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Thesen zur Gesellschaftsform

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Thesen zur Gesellschaftsform

Grundzüge der Nienetwiler Kultur


1. Die Grunderfahrung in der Nienetwiler Kultur ist die Werkzeugherstellung

In der Nienetwiler Kultur geht es beim Werkzeug nicht um das Werkzeug als «Ding», d. h. als Gegenstand, sondern als «Vermittler». Es gab und gibt, soweit wir wissen, kein Begriff für «Werkzeug» in unserem Sinne eines Dinges, also etwas, das von jemanden benutzt wird, um eine Wirkung auf irgendetwas anderes zu übertragen. Der Hammer ist in der Nienetwiler Kultur nicht ein Ding, das durch bestimmte Handhabung eine Kraft auf ein anderes Ding, sagen wir z. B. einen Nagel, kausal-deterministisch überträgt. Der Hammer «schlägt» den Nagel nicht (nur), sondern der Hammer «erschliesst» bzw. «ermöglicht» dem Nagel, das zu sein, was er ist. Der Nagel existiert nur wegen des Hammers. Umgekehrt aber erschliesst der Nagel eine bestimmte Fähigkeit oder Eigenschaft des Hammers, die ohne Nagel nicht existieren würde. Der Hammer ermöglicht/erschliesst den Nagel als Teil einer Verbindung bzw. Sammlung von Mensch-Hammer-Nagel-Holz-Zweck. Der Hammer erschliesst somit den Menschen als «Erbauer» von etwas, der Nagel als Teil des Erbauten, zusammen mit z. B. Holz, und das Erbaute als Teil von dem, was Mensch-Hammer-Nageln-Holz (etc.) tun.

Der Begriff vom Werkzeug bedeutet also so etwas wie «VermittlerIn» oder «VermittlerIn einer Sammlung», wobei der Hand als Werkzeug des menschlichen Körpers, die «greift» und «sammelt», besondere Bedeutung bekam. Zudem wurde die Tätigkeit des «Sammelns» als Haupttätigkeit aller Werkzeuge und zum Grundvollzug des Lebens bzw. der Existenz. Die Interpretation wird diskutiert: zur Diskussion

Siehe dazu auch die Artikel gadho und be


2. In der Nienetwiler Kultur gibt es keine prinzipielle Unterscheidung zwischen Menschen und Nichtmenschen bezüglich Handlungsfähigkeit

Da alle, die sich an einer Sammlung beteiligen, z. B. Hand, Hammer, Nagel, Holz, Mensch etc., nicht nur aufeinander «wirken», sondern einander «erschliessen» und demnach aktiv am Sammeln einer Sammlung teilnehmen, gibt es keine prinzipielle Unterscheidung zwischen Menschen und Nichtmenschen (z. B. Steine, Holz, Wasser, siehe gabe) bezüglich Handlungsfähigkeit. Dinge, wie z. B. Steine, wurden als gleichberechtigte Mitglieder einer Sammlung betrachtet. Dies impliziert eine «symmetrische» Weltsicht ohne Hierarchien. Es herrscht zwischen Menschen und Nichtmenschen eine Symmetrie in Bezug auf Handlungsfähigkeit bzw. Vermittlungsfähigkeit, denn handeln bedeutete «vermitteln». «Jedes Wesen kann weder zu/auf einen anderen reduziert werden, noch andere auf sich selbst reduzieren.» Die Übersetzung dieser Schriftpassage ist unsicher und braucht weitere Bestätigung. Die Inschrift wird noch diskutiert zur Diskussion

Das Werkzeug ist also nicht unter dem üblichen Begriff «Technologie» zu verstehen, also als Artefakt, wie z. B. schon bei Aristoteles, als Ding, das nicht von sich selber her stammt, sondern von einem anderen. In der Nienetwiler Kultur gibt es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Menschen und Dingen bezüglich ihre Fähigkeiten, «Akteure» zu sein. Ein Akteur ist etwas, das eine «Stimme» hat und fähig ist, mit anderen Verbindungen einzugehen. Werkzeuge, da sie nicht «Tools» im üblichen Sinne sind, werden eher als «Mediatoren» – wieder eine irreführende Übersetzung des ursprünglichen Nienetwiler Begriffs – verstanden, da ihre Aufgabe darin besteht, Verbindungen herzustellen, d. h. zu «vermitteln».

Es ist interessant, festzustellen, dass viele Nienetwiler Erfahrungen und Ideen heute, nach langem Überdecktsein und Vergessenheit, wieder zu Beutung kommen. Ein Beispiel davon ist etwa das wachsende Interesse an nicht-hierarchischen Formen des kooperativen Handelns, wie dies in neuen Organisationsformen wie Sociocracy, Holocracy, Netzwerkorganisationen zum Ausdruck kommt.


3. Alles ist mit allem verbunden

Eine zentrale Erkenntnis in der Nienetwiler Kultur ist: Alles ist (oder könnte) mit allem anderen verbunden werden. Dies bedeutet, dass das «Sammeln» keine prinzipielle (wohl aber praktische!) Grenzen kennt und somit sind alle gegenwärtigen und vergangenen Sammlungen als «provisorisch» zu verstehen. Es gibt demnach keine absolute Wahrheit, da jede Wahrheit nur eine provisorische Sammlung zum Ausdruck bringt. Die Weltdeutung hängt eng zusammen mit ihrer Ablehnung von Hierarchien, welche auf absolute Wahrheitsbestimmungen, seien sie von Regenten, Vorgesetzten, einem Gott oder dessen Vertretern beruhen. Dieser Abschnitt wird diskutiert: zur Diskussion

Die Frage der Nienetwiler Wirtschaft ist wenig erforscht, da die Befunde oft mehrdeutig oder gar obskur sind. Die Begriffe, welche auf Handel, Tausch, Markt und andere hindeuten oder diesen ähnlich sind, können, mit Vorbehalten, als «Vermehrung» übersetzt werden. Die Vermehrung bezieht sich zunächst auf erfolgreiches Sammeln. Sammeln, als Grundtätigkeit des Lebensvollzuges, führt zwangsläufig zu Vermehrung oder der Erweiterung von Sammlungen. Vermehrung aber enthält keinen direkten Hinweis auf das, was sonst aus der Kulturgeschichte unter «Tausch» verstanden wird. Die Idee des Marktes scheint in der Nienetwiler Kultur fremd zu sein, da Vermehrung nicht als Tausch verstanden werden soll, da alles miteinander (im Prinzip!) verbunden war, könnte es keinen Gewinn oder Verlust geben bzw. das Sammeln könnte nicht zu einer Anhäufung führen. Auch wenn Dinge die Hände wechselten, was sicher der Fall war, blieben sie als Mitglieder der Versammlung im Kollektiv. Es wird vermutet, dass auch der Begriff des Eigentums Verwendung fand und dass das Verfügen-über-etwas, z. B. Werkzeuge, eher als «Verantwortung» verstanden werden muss denn als «Besitz». Da es in der Nienetwiler Kultur keine moralischen Vorschriften gibt, sondern nur «Faustregeln», wären ihre Handelsbeziehungen eher als praktische Vereinbarungen über das jeweilige Verfügen von Ressourcen zu verstehen. Wie immer man die Wirtschaft der Nienetwiler interpretiert: Man muss dabei die Tatsache berücksichtigen, dass alle Entscheidungen unter den zeitlichen und räumlichen Beschränkungen der Versammlung stattfinden müssten.


4. Die Nienetwiler betrachteten ihr Zusammenleben und ihre Gesellschaft als «Sammlung»

Die Weltdeutung und demnach die Gesellschaftsordnung der Nienetwiler ist auf etwas begründet, das als «Verhandlung» verstanden werden kann. Das heisst, es gibt keinen König, Herrscher, Gott, Chef oder andere hierarchische Strukturen, sondern nur die Versammlung, in der alle Menschen und Nichtmenschen symmetrisch beteiligt sind, um zu entscheiden, wie sie jeweils miteinander verbunden sein können/sollen. Die Entscheidungen der Versammlung gelten immer als revidierbar und provisorisch, da immer mehr, bis jetzt unbekannte Teilnehmende (Menschen und Nichtmenschen), auftauchen können. Also ist die wichtigste «politische», aber auch «wirtschaftliche» Handlung in der Nienetwiler Kultur als «sammeln» zu verstehen, d.h . ein Sammeln von allem, was es gibt, in eine «Sammlung» oder «Kollektiv». Das Zusammenleben und die Gesellschaft insgesamt wird als «Sammlung», d. h. etwas, das auf einer Tätigkeit des «Sammelns» beruht, verstanden.


5. Die Mensch/Nichtmensch-Vermittlung

Die Dinge bzw. Nichtmenschen, im Alaju gabe genannt, werden in der Versammlung medh, durch «Fürsprecher» – oder man könnte auch sagen «Befrager» – «vertreten».

Die Aufgabe der Fürsprecher/Befrager ist es, die Nichtmenschen so zu befragen, dass sie ihre Stimme in die Versammlung einbringen können und somit an den Verhandlungen teilnehmen können. Die Fürsprecher/Befrager sind aber, und dies muss betont werden, ausdrücklich NICHT als «Repräsentanten» zu verstehen, da sie die Dinge selber zum Sprechen bringen sollen und nicht für sie reden dürfen.


6. Die «Fürsprecher» oder «Befrager» sind diejenigen, die viel Erfahrung und Können in den Methoden haben, die erlauben, dass die Nichtmenschen «reden»

Diese Methoden bestehen vor allem in Werkzeugkonstruktionen. Ein Beispiel wäre das Fernrohr von Galileo. Die Idee eines Instruments, das die Dinge für sich sprechen lässt und somit die Dinge nicht durch das Wort Gottes und der Heiligen Schrift deutete, war zur Zeit Galileis nicht bekannt. Eine solche Idee aber ist tief verwurzelt in der Nienetwiler Kultur. Also lässt sich vermuten, dass das Fernrohr nur möglich war aufgrund des Weiterlebens von Nienetwiler Gedankengut im europäischen Mittelalter.

Aus verschiedenen Befunden kann man vermuten, dass es schon sehr früh in der Entwicklung Nienetwiler Kultur «FürsprecherInnen» oder «BefragerInnen» gab für jede Art von Ding, z. B. für Steine, für Holz, für Berge, für Wasser, für Luft, für Tiere, für Pflanzen, für ganz grosse Dinge wie den Himmel (hier wäre Galileo ein Beispiel) und für ganz kleine Dinge, die man nicht sehen kann. Die prinzipielle Offenheit für Vermittler, welche die Nienetwiler Kultur charakterisiert, bedeutet, dass jederzeit etwas Neues und Unerwartetes auftauchen und für sich einen Fürsprecher verlangen kann.


7. Das schöpferische Sein

In der Nienetwiler Sprache gibt es kein Wort für «Arbeit» in dem Sinne, dass es sich um eine auf Entlohnung beruhende Tätigkeit handelt. Das Nienetwiler Wort «scandi» steht einerseits für Hand, andererseits aber auch für eine schöpferische Tätigkeit, und auch die Wörter singen, klingen und verhandeln werden mit scandi bezeichnet. All diese Tätigkeiten bedeuten für die Nienetwiler dasselbe. Es wird nicht unterschieden.

Ihre Grundeinstellung ist dergestalt, dass es etwas ganz Grundsätzliches und «Normales» ist, alles, was man tut, als Teil des Sammelns und Vermittelns zwischen den Dingen (Mensch/Nichtmensch) zu sehen. So wie das Atmen nicht infrage gestellt wird, so wird auch das nicht infrage gestellt (oder auch nur daran gedacht). Diese Grundhaltung führt dazu, dass Arbeit, als entlohnte Tätigkeit, für sie zwar intellektuell verstanden, jedoch mit Fassungslosigkeit betrachtet wird. Die Tatsache, dass entlohnte Arbeit grundsätzlich immer auf einem ausbeuterischen System beruht, das nicht bestrebt ist, Glück auf allen dynamischen Ebenen zu erreichen, sondern diese einer ökonomischen Maxime unterstellt, erscheint ihnen als derart unlogisch, dass es bis heute kein Nienetwiler Wort für Arbeit gibt.

In der Kunst jedoch, auch dem Handwerk oder anderen Tätigkeiten (sie machen, wie gesagt, keinen Unterschied), welche ihrer Meinung nach dem Zweck dienen, etwas zum Leben zu bringen, zwischen etwas so zu vermitteln, das hernach mehr an Sein, an Erfahrung und Fertigkeit hat, sehen sie die Bestimmung des Seins überhaupt. Das oben erwähnte Wort «scandi», das wie gesagt für diese Art der Tätigkeit steht, trägt daher nicht von ungefähr die beiden Wörter Hand und cantus (singen) in sich.


8. Überlebensstrategie der «Simulation» bzw. «Verstecktes Mitmachen» bzw. «Unauffälliges Einmischen»

Die Ablehnung von Hierarchie und die Schaffung von Ordnung durch das Verhandeln in der Versammlung bzw. durch das Sammeln führte notwendigerweise dazu, dass die Nienetwiler Siedlungen relativ klein blieben, da, wenn viele sich versammeln, nicht alle reden können und es nie zu einer Entscheidung käme. Zweitens führte die Regel, dass alle sprechen dürfen/sollen, dazu, dass die Kultur sich sehr langsam entwickelte, da es oft sehr schwierig war, die geeigneten Mediatoren/Werkzeuge zu (er)finden, die gewissen Nichtmenschen erlaubten, zu sprechen. Also tendierten die Nienetwiler dazu, keine Grossreiche bilden zu können und sich sehr konservativ bzw. langsam zu entwickeln. Zum Beispiel beteiligten sich die Nienetwiler nicht an Eroberungen, Grossbauprojekten etc. Dies beeinflusste die Nienetwiler Beziehungen zu anderen Völkern bzw. Kulturen, und zwar so, dass die Nienetwiler sich zurückzogen aus den «historisch» bedeutsamen Machenschaften der hierarchisch organisierten Grossreiche und eine Überlebensstrategie der «Simulation» bzw. des «versteckten Mitmachens» bzw. des «unauffälligen Einmischens» in die Grosskulturen entwickelten, was erklärt, warum die Archäologie der Nienetwiler vor grossen Problemen steht, da man ihre Kultur nur versteckt oder verstellt in den anderen grossen Kulturen finden kann.


9. Die Regeln der Nienetwiler Weltordnung

Die Regeln der Nienetwiler Weltordnung sind nicht wie religiöse Vorschriften oder moralische Imperative zu verstehen, sondern sie sind eher wie Umgangsregeln, abgeleitet von der Grunderfahrung der Herstellung von Werkzeugen.

Diese sind:

1) Man sollte schauen, dass alles, was miteinander verbunden werden kann, miteinander verbunden wird, je nachdem, wie die Dinge dies erlauben.

2) Es sollten alle, die sich an einem Task, einer Aufgabe, Problemlösung etc. beteiligen wollen, ernannt werden.

3) Es sollten die verschiedenen Arten der Beteiligung bzw. Rollen und Aufgaben unter den Teilnehmenden durch Verhandlungen verteilt werden.

4) Es sollten Erwartungen von allen an alle anderen klar ausgedrückt und vereinbart werden.

5) Es sollte überlegt werden, was eine bestimmte Aufgabe, ein Ziel, eine Problemlösung möglicherweise mit allen anderen Aufgaben, Problemen, Zielen etc. zu tun haben könnte.

6) Es sollten Hierarchien vermieden werden. Die Regeln werden diskutiert: zur Diskussion